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Odenwälder Tafel: Gemeinsam gegen Lebensmittelverschwendung

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1000 Menschen aus dem Odenwald profitieren von der Arbeit der Tafel Erbach-Michelstadt. Wieso die Helfer kein Abo im Fitnessstudio brauchen und was sie an ihrem Ehrenamt erfüllt.

Michelstadt. Eine Frau rollt eine Schubkarre vor sich her, stellt sie ab und gesellt sich zu einer Gruppe von mehr als 20 Menschen, die alle Tüten in ihren Händen halten. Man kennt sich, beginnt zu plaudern. Es ist Donnerstagmittag. Die Frau mit der Schubkarre und der Rest der Gruppe warten darauf, sich mit Lebensmitteln zu versorgen und nicht Schutt einzusammeln. Sie stehen vor der Tafel Erbach-Michelstadt. Die Essensausgabe beginnt gleich.

Eine Tafel für den gesamten Odenwaldkreis

Die Odenwälder Tafel ist eine von über 980 Tafeln in Deutschland. Die meisten Tafeln arbeiten auf kommunaler Ebene. Der Name der Tafel Erbach-Michelstadt ist daher missverständlich. Sie versorgt nicht nur die Menschen in den beiden einwohnerreichsten Städten des Kreises, sondern ist für den gesamten Odenwaldkreis zuständig. Damit all diese Menschen von dem Angebot der Tafel profitieren, engagieren sich Helfer ab dem Vortag und in den Morgenstunden.

Zdenka Bauer präsentiert einen frischen Käsekuchen, der in einer Bäckerei nicht verkauft wurde.
© Felix Poser

Tafel sucht grundsätzlich immer Ehrenamtliche

Sie ist eine von insgesamt etwa 100 Ehrenamtlichen, die sich bei der Tafel Erbach-Michelstadt engagieren. Angeführt werden sie von Sonja Schimpf. Die stellvertretende Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins behält den Überblick über alle Abläufe. „Ein Drittel unserer Ehrenamtlichen arbeitet als Fahrer. Sie sammeln die Lebensmittel bei Supermärkten, Bäckereien und Metzgereien von Montag bis Donnerstag ein“, sagt die 61-Jährige. Die anderen Mitarbeiter seien als Sortierer und in der Ausgabe tätig. Diese findet jeweils am Dienstag- und Donnerstagnachmittag statt. Am Vormittag seien bis zu zwölf Ehrenamtliche im Einsatz, nachmittags reichten acht Arbeitskräfte. Helfer werden stets gesucht. Genug Arbeit gibt es allemal.

Schimpf packt deshalb ebenfalls da mit an, wo es nötig ist. Sie sammelt und zerkleinert die leeren Kartons, die ihre Kolleginnen beim Sortieren der Backwaren entleeren. Bei den Gemüsesortierern räumt sie leere Kisten weg, stellt Fragen und koordiniert.

„Ich versuche, den Überblick zu behalten“, sagt die aus Bad König stammende Vorruheständlerin. Sie ist es gewohnt, Mitarbeiter zu führen. Schimpf war als Personalleiterin bei der Telekom für Tausende Angestellte verantwortlich. Mit 55 Jahren sollte sie Ehrenamtsstunden leisten, um in den Vorruhestand gehen zu können. Diese gemeinnützige Arbeit leistete sie unter anderem bei der Tafel. Auch hier übernahm sie schnell Verantwortung im Vorstand. „Die Tafel zu führen, ist im Prinzip das Gleiche wie ein Unternehmen zu führen“, stellt Schimpf fest. Und dieses Unternehmen funktioniert.

Ehrenamtliche sind ein eingespieltes Team

Ein Kühlfahrzeug fährt vor. Kaum ist der Fahrer ausgestiegen, stehen mehrere Ehrenamtliche bereit, um die Ware hineinzutragen. Drinnen begutachten die Helfer die Lebensmittel, sortieren angedätschte Tomaten aus und werfen sie in den Müll. Die Tomaten, die noch essbar sind, packt Mechthild Müller in Plastiktüten ab. Mit beiden Händen voll mit Plastikmüll läuft sie in Richtung Gelber Sack. Das sieht ein Kollege, der am Mülleimer vorbeiläuft und vorausschauend den Deckel hochhält, sodass Müller ihren Müll ohne Probleme loswird.

Seit ich bei der Tafel bin, schmeiße ich Zuhause so gut wie nichts mehr weg.

Sonja Schimpf, Stellvertretende Vorsitzende, Tafel Michelstadt-Erbach.

Das Team der Tafel Erbach-Michelstadt ist eingespielt. „Ich liebe diese netten Leute hier“, sagt Müller, die gerne nach Michelstadt kommt, um bei der Tafel zu helfen. Sie ist nicht die einzige, die die Gemeinschaft schätzt. Bei der Tafel entstehen viele Freundschaften. Das ist den Ehrenamtlichen dabei, wie sie miteinander umgehen, anzusehen. Doch das ist nur einer von vielen Vorteilen ihrer Arbeit. Wer jeden Tag mitbekomme, wie viele Lebensmittel in den Supermärkten liegen bleiben, erkenne den großen Unterschied zwischen dem Mindesthaltbarkeitsdatum und dem Verfallsdatum von Lebensmitteln, sagt Sonja Schimpf. „Seit ich bei der Tafel bin, schmeiße ich Zuhause so gut wie nichts mehr weg“, sagt sie.

Nachdem die Brötchen, Brezeln und Zimtschnecken sortiert sind, Obst und Gemüse in Tüten abgepackt ist und die Kühlschränke mit Eier- und Milchspeisen aufgefüllt sind, werden die letzten Vorbereitungen für die Ausgabe getroffen. Draußen vor der Tafel werden unter den Fenstern Tische aufgestellt. Karl Becker werden Kisten mit abgepacktem Brot, Schokoeiern sowie eine Kiste mit Pizzamehl gereicht. „Hier draußen platzieren wir abgepackte Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist“, erklärt der Ehrenamtliche. Seine Aufgabe ist es, im Blick zu behalten, dass sich die Menschen drei bis fünf Teile nehmen – das aber erst, wenn sie an der Reihe sind.

So funktioniert die Essensausgabe bei der Tafel

Zuerst müssen sich die rund 80 Familien, die an diesem Tag bei der Tafel Lebensmittel kaufen möchten, am Kassenfenster registrieren. Insgesamt profitieren 1000 Personen aus dem Odenwaldkreis von der Tafel Erbach-Michelstadt. Während Corona habe sich das System etabliert, dass die Menschen nicht mehr in der Tafel einkaufen, sondern an den Fenstern bedient werden. Am ersten Fenster wird die „Kundenkarte“ gescannt. Menschen mit einem geringen Einkommen, wie Empfänger von Bürgergeld, Grundsicherung, kleinen Renten oder Asylsuchende, sind zum Einkauf bei der Tafel berechtigt. Wer bei der Tafel in Michelstadt einkaufen möchte, muss einen entsprechenden Nachweis erbringen. Wenn dieser laut dem System vorhanden ist, erhält der oder die Kundin im Gegenzug für einen einstelligen Betrag von dem Mitarbeiter des Kassenteams eine Einkaufserlaubnis für die laufende Lebensmittelausgabe.

Als Erstes können die Menschen auswählen, welche Backwaren sie haben möchten. Am nächsten Fenster wird der Korb mit Lebensmitteln ausgestattet, die die Menschen nicht selbst auswählen können. Jeder bekommt eine Tüte mit Obst und Gemüse. Kühlschrankware wie Eier- und Milchspeisen orientiert sich an der Anzahl der Familienmitglieder. Im Anschluss erhält jeder Kunde eine Kiste mit seinen Einkäufen und darf sie einpacken – egal ob in die Schubkarre oder in Einkaufstüten.

Eine Kundin wählt am Ausgabefenster aus, welche Eier- und Milchspeisen sie mitnehmen möchte.
© Felix Poser

Tafel statt Fitnessstudio: Ehrenamtliche bleiben fit

Karl Becker achtet penibel darauf. Manche Menschen vergessen, nach welcher Reihenfolge bei der Tafel eingekauft wird, oder nehmen sich mehr, als angebracht – so wie eine ältere Frau. „Zwei Erdbeerschachteln sind okay, drei sind zu viel“, sagt Becker zu ihr. Die sieht es ein und legt eine Schachtel wieder zurück. „Das gehört dazu und ist menschlich“, versteht der Ehrenamtliche das Verhalten der Kundin. Becker engagiert sich gerne. Er fühle sich nach seiner Schicht körperlich ausgelastet. „Die Kisten haben ordentlich Gewicht. Da braucht man kein Fitnessstudio“, sagt er.

Der Tafel-Einkauf einer Familie ist eingepackt. Nun kann gekocht und gegessen werden.
© Felix Poser

Eine Mutter mit zwei Kindern lächelt beim Einpacken ihres Einkaufs und ruft ihren Sohn, damit der die schwere Gemüsetüte trägt. „Schaut mal, Kinder. Ich kann euch die nächsten Tage wieder Spaghetti kochen“, sagt sie. Ihr Sohn und ihre Tochter sind sichtlich begeistert. Dann fragt Becker die Kinder, ob sie Schokolade mögen. „Von den Schoko-Ostereiern haben wir einige Kisten. Greift zu“, sagt er. Die Kinder können ihr Glück kaum glauben und rufen: „Oh ja, sehr gerne!“ Es ist einer der Momente, in denen Becker und seine Kollegen große Dankbarkeit für ihren Einsatz spüren und sie motiviert, weiterhin Gutes zu tun.

Quelle: Felix Poser, Wie die Odenwälder Tafel immer mehr Herausforderungen stemmt, 31.07.2026.